Theoretische Positionen der Schule Interkultureller Mediatoren

Was ist Kultur?

Kultur betrachten wir als eine Perspektive, mittels der Praktiker*Innen einen Zugang zu einer komplexen, durch Heterogenität gekennzeichneten Wirklichkeit erhalten können. "Richtig" - d.h. im Sinne der Forschung - verstanden ist Kultur kein Dogma, nichts, womit das Individuum auf Kategorien festgelegt werden soll, sondern eine Möglichkeit, Diversität zwischen Einzelnen beschreibbar zu machen. Mittels der Perspektive Kultur haben wir die Chance, als Mediator*Innen mehr zu sehen und in der Mediation herauszuarbeiten: Handlungsdispositionen, routinierte Verhaltensweisen, Relevanzstrukturen.

Was ist Mediation?

Als Professionelle sehen wir in der Mediation

  • mehr als ein Konfliktlösungsverfahren. Mediation ist ein Weg, Differenz sichtbar und produktiv zu machen - bspw. in einer Einigung bei Dissens, bspw. um Beziehungen zu verbessern.

Aus kultureller Perspektive ist Mediation für uns

  • "ein Ensemble sinnhaft aufeinander bezogener Handlungsweisen und Annahmen", die in einem bestimmten zeitlichen und räumlichen Kontext entstanden sind und mit diesem Kontext sich verändern werden. Die Elemente, aus denen sich Mediation zusammensetzt sind Methodik, Techniken, Annahmen über einen produktiven Umgang mit Dissens, Vorstellungen darüber, was ein Konflikt ist, ein spezifisches Menschenbild und einiges mehr.

Was ist Interkulturelle Mediation?

Unter Interkultureller Mediation verstehen wir eine spezifische Handlungsweise von Mediator*Innen. Sobald Mediator*Innen kulturelle Perspektiven bei der Arbeit mit Ihren Mediand*Innen einsetzen, entsteht Interkulturelle Mediation.

Die Arbeit mit kulturellen Perspektiven muss gelernt, eingeübt, trainiert, habitualisiert werden. Dies soll unseres Erachtens nicht erst am Fall, sondern in einem von Handlungsdruck befreiten Ort: in Ausbildungen stattfinden.

Was ist "die" Paarbeziehung?

Die Paarbeziehung ist eine der effektivsten und zugleich prekärsten Sozialformen der Gegenwart. Zwar gibt es sie für den Praktiker mit einigem Recht nur im Plural. Jede Paarbeziehung ist dennoch stark beeinflusst von der Gesellschaft, in die sie eingebettet ist und mit dieser ist sie erstaunlichen Wandlungsprozessen unterworfen.

Vielfalt an Lebensformen ist für die Gegenwart globalisierter Gesellschaften typisch. Dennoch scheint jede Gesellschaft ihre "hegemoniale Form" der Paarbeziehungen hervorzubringen. In deren Gravitationsbereich stehen alle anderen Formen mehr oder weniger. Diese Hegemonien wechseln im Lauf eines Menschenlebens durchaus mit der Zeit und dem Raum, die es durchmisst.

In der Mediation sollte auf die unterschiedlichen Sozialformen allgemein, aber besonders auf diese einzigartige Sozialform acht gegeben werden. Die Paarbeziehung kulturell zu verstehen, heißt für uns unter anderem, sich für den Widerspruch zwischen den oft widersprüchlichen Wünschen nach Autonomie und Resonanz, nach Einzigartigkeit und Übereinstimmung zu sensibilisieren.

Was ist Didaktik?

  • Didaktik ist die Bewältigung des Zufalls in Lernzusammenhängen: Ob und wie gelernt wird, welche Beziehungen die Gruppenteilnehmer zu einander entwickeln, wie Techniken gelernt und habitualisiert werden können.
  • Didaktik bezieht sich sowohl auf das Lernen wie auf die Gruppe, in der das geschieht.
  • Didaktik ist Ausdruck der Verantwortung von Ausbildern für Lernprozesse.
  • Didaktik bedeutet Planung, bedeutet die Bedürfnisse von Teilnehmern zu antizipieren und Wege sich auszudenken, durch die das Lernen leicht und nachhaltig gelingt.
  • Wenn Didaktik ernst gemeint ist, berücksichtigt sie die soziale Natur des Menschen und hilft Gruppenprozesse zu gestalten. Insofern bemüht sich Didaktik um die gelingende soziale Integration jedes Lerngruppenmitglieds in seine Gruppe.
  • Didaktik sorgt dafür, dass Räume geschaffen werden, in der sich Einzelne vertrauend exponieren können, um Haltung, Technik und Methodik der Mediation zu erlernen.

Verstehen - Erlernen - Üben

Um in Konflikten sicher handeln zu können, muss geübt werden. Deswegen nimmt das Rollenspiel und die Partnerübung einen größeren Raum ein. 

Vieles muss geübt, Manches muss aber auch erlernt werden. Die sichere Kenntnis von Sachverhalten, wie bspw. kulturellen Perspektiven oder Funktion und Erscheinungsformen von privaten Beziehungen ist eine Voraussetzung für mediatives Handeln.

Viele Sachverhalte müssen aber auch - damit sie gelernt und geübt werden können - einfach zuvor verstanden werden - oder mit anderen Worten: kognitiv sinnvolle und Strukturen bildende Zusammenhänge bilden.

 

Deswegen gehen wir - bereits aus didaktischen Gründen - in unseren Ausbildungen den Dreischritt von Verstehen - Erlernen - Üben.

Dieser Dreischritt verbindet die zwei, in den Kulturwissenschaften gut unterschiedenen Wissensformen, wobei eine die andere stützen kann:

  • das explizite (erklärungsbereite) Wissen, durch das wir einen verstandesmäßigen Zugang zur Welt bekommen
  • das implizite Handlungswissen, ein verinnerlichtes Wissen, in Form von Routinen, Automatismen und Reaktionsweisen, an dessen Schluss die Entwicklung eines Habitus steht, das nur durch wiederholtes Training zu erreichen ist, wie es im Fall der Mediation in begleiteten Rollenspielen erwerben möglich ist.

Was sind Rollenspiele?

Schwierig sind Rollenspiele - vor allem dann, wenn sie in kein didaktisierten Ausbildungskonzept eingebettet sind und nicht begleitet werden. Leicht sind Rollenspiele und erfüllen ihren Zweck in didaktisch organisierten Settings von Gruppen, die auf Wertschätzung basieren.

Wie funktionieren sie? Rollenspiele sind simulierte Konfliktsituationen, in denen Lernende die Positionen von Konfliktparteien und Mediierenden erproben. Ihr Zweck ist die "Habitualisierung" von Handlungswissen: Der Umbau von explizitem Wissen zum routinisierten Know How.

Für die Rollenspiele gibt es Skripts einerseits und ein permanent begleitendes Coaching durch einen Trainer andererseits. Ein sinnvoll angeleitetes Rollenspiel kennt Rollenvorbereitung und Rollenausstiege, Reflexion des Geschehens mit allen Beteiligten, sowie Elemente des Coachings durch den Trainer.

Was sind "theoretische Positionen"

Sie sind  - wie so oft, so auch hier - unter einer oder verschiedener Perspektiven gewonnene theoretische Zugänge zu praktischen Problemen. Es sind "statements", es sind Festlegungen, die Ihnen und uns helfen, uns zu orientieren und uns Diskussionen zu stellen.


 

 

 

Diese und andere Positionen haben wir uns im Verlauf unserer Arbeiten als Ausbilder, Wissenschaftler und Mediatoren erarbeitet. Die Fort-, Weiter- und Ausbildungen sind im Verständnis dieser Positionen entwickelt worden. Genaueres erfahren Sie in unseren Publikationen und in den als Downloads bereit gestellten Texten auf dieser Seite.